Der Weg durch die Wüste
Drascha zu Mattot-Massej
In der biblischen Erzählung von der Verteilung des Landes wird ein wichtiges Prinzip deutlich
Die 40 Jahre der Wüstenwanderung nähern sich ihrem Ende, und wieder stehen die Bnei Jisrael, die Kinder Israels, an der Grenze zu Kenaan. Im Wochenabschnitt Mass’ej wird noch einmal die Route beschrieben, die sie auf dem langen Weg zurückgelegt haben, vom Aufbruch im ägyptischen Ramses bis zum Ufer des Jordans in der Nähe von Jericho. Die Aufzählung der vielen Orte, an denen sie unterwegs Halt gemacht haben, mag uns eine leise Ahnung vermitteln von der Länge und der Beschwerlichkeit dieses Weges. Und doch wäre die direkte Strecke so viel kürzer gewesen und Kenaan so viel schneller zu erreichen, wenn – ja, wenn die inneren Widerstände in der Gemeinschaft der Bnei Jisrael nicht gewesen wären. Vor so vielen Jahren waren sie ihrem Ziel schon einmal sehr nahe gewesen. Doch zehn der zwölf Kundschafter hatten damals das Volk so stark verunsichert, dass die Einnahme des Landes unmöglich wurde.
Die Bitte von Reuven und Gad
Jetzt passiert jedoch etwas Unvorhergesehenes: Die Männer, die zu den Stämmen Reuven und Gad gehören, besehen sich das schöne Weideland diesseits des Jordans und beschließen, dass sie mit ihren großen Herden doch gleich hier bleiben könnten. Mosche ist außer sich – soll sich die Geschichte denn wirklich noch einmal wiederholen? Er wirft den Vertretern von Reuven und Gad vor, genauso zu handeln wie jene Vorfahren, deren Zaghaftigkeit einst den Einzug nach Kenaan verhindert hat. Doch die Stämme Reuven und Gad sind nicht wie ihre Eltern und Großeltern. Jedenfalls verpflichten sich die Männer, zusammen mit den anderen Stämmen über den Jordan zu ziehen und an ihrer Seite zu kämpfen, bis alle ihr jeweiliges Erbe erlangt haben. Das akzeptiert Mosche, und er überträgt Elasar und Jehoschua die Verantwortung für die Einhaltung dieser Zusage.
Verantwortung und gesellschaftliche Ordnung
Hinter all dem steht das Prinzip »Kol Jisrael arevim sebaseh«. Ob auf der obersten Ebene der gesamten Gemeinschaft gegenüber oder in der Verpflichtung für den Einzelnen: Alle sind füreinander verantwortlich, um des Gemeinwohls willen. Dies zeigt sich auch bei der Zuweisung von 48 Städten für die Leviim und der Einrichtung von sechs Städten, in die sich Menschen flüchten können, die versehentlich jemanden getötet haben. Die Stadtgemeinschaft ist in diesem Fall dann auch verpflichtet, für einen fairen Prozess zu sorgen und eine Hinrichtung oder Blutrache zu verhindern.
Recht und Gleichberechtigung
Dass dies nicht nur für die männlichen Bnei Jisrael, sondern auch für die Frauen gilt, zeigt sich in der Erbrechtssache der Töchter von Zelofchad. Die fünf Frauen fordern ihren eigenen Anteil an Land als Erbteil ein und erhalten ihn auf Geheiß des Ewigen tatsächlich zugesprochen. Der Erbanspruch für Frauen einschließlich aller damit verbundenen Verpflichtungen, aber auch Rechte wird aufgrund der Initiative von Zelofchads Töchtern Machla, Tirza, Chogla, Milka und Noa festgelegt. Die Berechtigung gilt von da an nicht nur für diese fünf Frauen allein, sondern sie wird zum allgemeinen Gesetz in Israel. Denn »Kol Jisrael arevim sehbaseh«, das schließt die Garantie der Rechte und Pflichten von allen mit ein, von Männern und Frauen gleichermaßen.

Rabbinerin Antje Yael Deusel
Die Drascha erschien zuerst in der Jüdischen Allgemeinen
Übersetzung Mattot-Massej auf talmud.de
Bild: Perplexity AI-generated
